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Über Perspektivwechsel, Herausforderungen und das Geheimnis einer erfolgreichen Delegation – Interview mit Faculty Advisor Prof. Dr. Tanja Brühl

Tanja Brühl ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Institutionen und Friedensprozesse an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie betreut als Faculty Advisor die Delegation für das National Model United Nations 2019.

Prof. Dr. Tanja Brühl (© Uwe Dettmar, Goethe-Universität)

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass Studierende an der National Model United Nations teilnehmen?

Meiner Meinung nach sprechen drei ganz unterschiedliche Gründe für eine Teilnahme. Erstens, auch wenn es sich bei NMUN um eine Simulation handelt, gibt sie einen sehr guten Einblick in echte Arbeitsstrukturen einer internationalen Organisation. Damit deckt NMUN einen Bereich ab, der viele Studierende auch als mögliches Berufsperspektive interessiert. Ich hatte nach der Teilnahme von Studierenden an der NMUN sowohl welche, die die Teilnahme in Ihrem Wunsch bestärkt hat, später einen Beruf im Auswärtigen Amt oder einer internationalen Organisation zu ergreifen, als auch welche, die gemerkt haben, dass der Bereich ihnen doch nicht zusagt. Zweitens bietet die Teilnahme an NMUN den Studierenden die Möglichkeit, ihre Soft Skills stärker auszubauen: Präsentationsfähigkeiten in der Wissenschafts- und Weltsprache Englisch muss man erlernen und hier biete ich in der Vorbereitung auf die Konferenz einen Raum, in dem man das Reden und Verhandeln auf Englisch üben kann. Drittens lässt sich anführen, dass Studierende durch die Vorbereitung tiefer in die Inhalte der internationalen Politik eintauchen können, sowie in aktuelle Probleme, vor denen die Welt steht.

Ich gebe zu, dass zu diesen drei großen Gründen ein weiterer hinzutritt, der mir sehr wichtig ist. Model UN ermöglicht auch das Schließen von Freundschaften: Aus der Anonymität einer sehr großen Universität und eines großen Fachbereiches heraus, arbeitet eine Gruppe von 20 Leuten ein Jahr lang intensiv zusammen. Das verändert bei vielen Teilnehmenden das Studierverhalten, wie wir aus den Evolutionen des Projektes wissen.

Sie haben schon über 12. NMUN- Delegationen vorbereitet und nach New York begleitet – was reizt Sie daran?

Es macht schlichtweg Spaß, denn jede Delegation ist anders und setzt sich aus Studierenden mit verschiedenen fachlichen und sozialen Hintergründen zusammen. Es ist faszinierend, diese Gruppen bei ihrer Entwicklung zu begleiten und zu sehen, wie einzelne Personen über sich hinauswachsen. Des Weiteren macht es mir Freude, mich in die Außen- und Innenpolitik eines Landes einzuarbeiten. So hatte ich das Vergnügen, in den letzten Jahren aus der Perspektive von Tuvalu die Frage der Klimaerwärmung anzuschauen, die Islamische Republik Iran als einen Staat zwischen Moderne und Islamischem Recht kennenzulernen und anhand von Kenia und Uganda die Probleme, Herausforderungen und Chancen des afrikanischen Kontinents zu betrachten. Bei der Auseinandersetzung mit den einzelnen Ländern reizt mich der Perspektivwechsel und die Möglichkeit, in neue Themen einzutauchen.

Dieses Jahr haben Sie die Gelegenheit, sich in die französische Außen- und Innenpolitik einzulesen. Auf welche Themen sind Sie gespannt?

An Frankreich fasziniert mich insbesondere die Bewegung En Marche, gerade vor dem Hintergrund, dass wir auch hier in Deutschland über eine soziale Bewegung diskutieren. Dabei interessiert mich die Frage, wie ein bis dato festes Parteiensystem in einem Staat so schnell erodieren konnte. Was bedeutet diese Entwicklung für die Gesellschaft und wie verändert sie diese? Sich in dieses Thema und den Erfolg von Macron im Allgemeinen einzulesen, finde ich spannend, auch, da abzusehen ist, dass Macron in den nächsten Jahren ein bedeutender Player bleiben wird, der stark auf eine auf Multilateralismus ausgerichtete Politik in Europa aber auch Europas in den Vereinten Nationen setzt.

Was macht eine erfolgreiche Delegation aus?

Eine erfolgreiche Delegation zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Positionen des zu vertretenden Staates überzeugend vertritt, gemeinsam als eine Gruppe zusammenwächst und am Schluss neugieriger auf Politik ist, als sie zuvor war.

Dieses Jahr kooperiert die Goethe-Universität zum ersten Mal mit einer Partneruniversität aus den USA. Was erhoffen Sie sich von dieser Kooperation?

Zurzeit wird oft von Internationalisierung gesprochen und dies meist bezogen auf eine intellektuelle Ebene. Bei dieser Kooperation möchte ich mich jedoch auf den Aspekt des interkulturellen Lernens fokussieren. Mit der University of Texas San Antonia (UTSA) verbindet uns eine gewisse Kooperationshistorie. Zusammen haben wir bereits drei Seminare gestaltet und dabei war es immer interessant zu sehen, wie auf der inhaltlichen Ebene Themen ganz ähnlich oder auch unterschiedlich gesehen worden sind. Mir geht es bei dieser Kooperation auch darum, zwei unterschiedliche Universitäten zusammenzubringen. Die UTSA befindet sich in Texas, so dass es auch Studierende geben wird, für die Englisch nicht die Muttersprache ist. Wie wachsen beide Gruppen zusammen? Welche Unterschiede werden aufgeworfen? Das kann mit unterschiedlichen Formen der Kommunikation anfangen. Für uns ernste Deutsche ist es manchmal ein wenig ungewöhnlich, das breite Lächeln der Amerikaner den ganzen Tag über zu sehen und solch eine Form der Kommunikation aufrecht zu halten. Jedoch ist mir die Reflexion solcher Erfahrungen sehr wichtig.

Auf welche Herausforderungen kann sich die diesjährige Delegation einstellen?

Zum einen besteht die Herausforderung darin, als eine einheitliche Delegation aufzutreten, obwohl wir von zwei unterschiedlichen Universitäten kommen. Des Weiteren ist die Konferenz in New York deutlich stressiger, als man es sich vorstellt: Fünf Tage verhandeln in einem Konferenzhotel – das klingt auf den ersten Blick einfach. Wenn man jedoch daran denkt, dass man kaum zum Schlafen kommt und sich in einer Umgebung mit vielen unbekannten Menschen befindet, dann wird die Konferenz zu einer Herausforderung. Sicherlich liegt eine weitere Herausforderung auch in der Repräsentation von Frankreich. Aufgrund seiner Kolonialgeschichte ist das Land nicht bei allen afrikanischen Staaten ein geschätzter Partner. Ich bin gespannt, wie wir damit umgehen werden und von den anderen Staaten aufgenommen werden.

Von den Herausforderungen hin zu einer positiven Seite am Schluss: Was wünschen Sie der diesjährigen Delegation?

Ich empfinde diese Delegation als sehr offen und neugierig und ich wünsche mir, dass diese Neugierde weiter anhält und sie mit großem Spaß als gemeinsame Gruppe nach New York fährt und darüber hinaus noch Kontakt hält.

Das Interview führte Thomas Siurkus