Interview mit Faculty Advisor Julia Leib

Liebe Frau Leib, Sie haben selbst Erfahrung als Delegierte bei NMUN.

Wie oft haben Sie selbst daran teilgenommen?

Das erste Mal als Delegierte bei NMUN war ich 2012. Damals waren wir Indien, was super spannend war, weil das Land auf der einen Seite vor sehr vielen Herausforderungen steht und auf der anderen Seite aber auch sehr viele positive Entwicklungen macht. 2014 war ich als dann Head Delegate bei NMUN und in diesem Jahr waren wir Uganda. Das war auf eine ganz andere Art und Weise spannend als Indien, weil Uganda damals eine Anti- Gay-Gesetzgebung auf den Weg gebracht hatte und wir das dann natürlich auch repräsentieren mussten. Insbesondere bei Gesprächen mit dem ugandischen Botschafter war sehr herausfordernd, diesem nicht mit der eigenen vorgeformten westlichen Meinung entgegenzutreten, sondern ihm diplomatisch zuzuhören und auf seine Fragen einzugehen. Angefangen an Model United Nations teilzunehmen, habe ich durch Seminare bei Prof. Dr. Tanja Brühl. Durch sie wurde ich auch aufmerksam auf die MainMUN in Frankfurt, an der ich dann auch 2012 zum ersten Mal teilgenommen habe. Da habe ich gemerkt, dass es sehr viel Spaß macht, die Vereinten Nationen auf diesem Weg noch besser kennenzulernen. Daher wollte ich auch nach meiner Zeit als Delegierte dafür sorgen, dass die Tradition der Teilnahme an NMUN aufrechterhalten bleibt, und engagiere mich als Faculty Advisor.

Welche Aufgaben übernehmen Sie als Leiterin einer Delegation?

Es geht vor allem darum, die Gruppe zu unterstützen, damit sie sich bestmöglich vorbereitet. Erstmal vermittelt man dafür natürlich das grundlegende Wissen, wie solche Verhandlungen überhaupt funktionieren. Außerdem geht es auch darum, wie man Reden hält und öffentlich auftritt. Das unterscheidet sich vom normalen Studentenleben, das in der Regel eher konsumiert und nicht selbst beiträgt. Ein großer Teil meiner Arbeit ist die Akquise von Spendengeldern, damit die Exkursion nach New York finanziert werden kann und die Studierenden nicht den gesamten Betrag selbst bezahlen müssen. Ansonsten geht es dann noch um die ganzen organisatorischen Sachen, wie die Anmeldung für NMUN und die Buchung des Hotels, die Teilnehmerlisten versenden sowie Kontakt zu Experten herstellen und diese einladen. Die Experten sollen den Teilnehmenden noch eine andere Sicht auf das Land mitgeben.

Was erwartet die Delegierten während der NMUN in New York?

Es ist schon sehr stressig! Normalerweise fängt der Tag morgens um acht Uhr an mit Beginn der Verhandlungen. Es gibt zwar über den Tag über eine Mittagspause und auch abends noch eine Pause, aber an manchen Tagen kann das offizielle Programm von morgens um acht bis abends um elf Uhr gehen. Hier wird verhandelt, zum einen in formalen Sitzungen, in denen Reden gehalten werden und zum anderen in informellen Sitzungen, bei denen es darum geht, Resolutionen zu erarbeiten, Partner zu finden und Kooperationen einzugehen. Das Programm ist jedoch noch weiter unterteilt, da wir versuchen werden einen Termin bei der ständigen Vertretung des Landes, welches wir repräsentieren, zu bekommen. Dadurch soll ein Einblick in das tatsächliche diplomatische Arbeiten bei den Vereinten Nationen ermöglicht werden. Und dann organisiert NMUN auch noch andere Veranstaltungen, wie beispielsweise eine Opportunity Fair. Aber generell erwarten die Delegierten Verhandlungen von morgens bis abends – ganz genauso, wie wenn tatsächlich Gremiensitzungen bei den Vereinten Nationen sind.

Wie bereiten sich die Delegierten auf die Konferenz in New York vor?

Der Großteil besteht zunächst darin, dass wir eine Bewerbung abgeschickt haben und dann abwarten, welches Land uns zugeteilt wird. Sobald das feststeht geht es darum, das Land kennenzulernen, also die Politik des Landes, die Geschichte, aktuelle Herausforderungen und wie sich das Land selbst in den Vereinten Nationen sieht. Anschließend entscheidet sich, wer in welchem Komitee dieses Land vertritt und dann ist es eben an den Teilnehmenden, sich auf ihr Komitee ganz speziell vorzubereiten. Das bedeutet, dass man sich einliest, welche Themen behandelt werden und recherchiert, wie das Land sich selbst zu diesen Themen verhält. Und dann kommt die größte Herausforderung während der Vorbereitung, nämlich das Position Paper zu schreiben. Hier muss auf knappen zwei Seiten zu allen drei Themen, die behandelt werden, dargelegt werden, welche Bedeutung dieses Thema für das Land hat, welche Verbesserungsvorschläge man hat und was man in Resolutionen miteinbringen will. Das dauert mit mehreren Runden Revision bis Februar, also quasi bis kurz vor der Konferenz. Am Ende geht es dann noch darum, die erste Rede vor dem Gremium zu üben.

Ist es eine Herausforderung, dass die Gruppe aus Frankfurt 2020 in New York mit über 20 Personen besonders groß ist?

Zusammen essen zu gehen, wird natürlich schwieriger. Aber generell unterscheidet sich die Arbeit von einer großen zu einer kleinen Gruppe nicht sehr stark, weil die Arbeit an sich bei der Simulation gleich bleibt. Doch umso mehr Komitees vertreten sind, desto mehr muss ich dann auch während der Konferenz rumgehen und schauen, dass ich auch wirklich jeden zwei Mal am Tag sehe, um mögliche Probleme schnell zu lösen. Außerdem wird es ja auch dieses Jahr zwei Head Delegates geben, die bei einer so großen Gruppe gefragt sind zu übernehmen, falls es wirklich Probleme geben sollte und aus der Gruppe heraus Hilfestellungen geben können.

Welche Lernerfolge sind bei einer Model United Nations üblich?

Wir begleiten NMUN seit mittlerweile drei Jahren mit einem kleinen Forschungsprojekt, welches sich genau mit der Fragestellung beschäftigt, was tatsächlich nachweisbar als Lernerfolg zurückbleibt. Und da kann man doch schon sagen, dass auf jeden Fall sehr viele Studierende angemerkt haben, dass sie sich in ihrer Fähigkeit frei zu sprechen und vor allem dann auch noch auf Englisch sehr stark verbessert haben. Das sieht man auch, wenn man ein Jahr lang Studierende begleitet und sie am Ende in New York eine Rede halten. Selbst eher schüchterne Leute sind dabei sehr über sich hinausgewachsen. Gleichzeitig wächst das prozedurale Wissen über die Vereinten Nationen, also wie die Verhandlungen funktionieren und und welche Schwierigkeiten hierbei auftreten können. Nutzt du auch selbst Planspiele in der universitären Lehre und warum? Es ist ein Schwerpunkt unseres Arbeitsbereiches aktive Lernformen zu nutzen. Ich habe auch schon mehrmals Planspiele zu den Vereinten Nationen in Seminaren durchgeführt. Ich weiß aber auch von Kolleginnen, die mit Planspielen beispielsweise Landkonflikte diskutieren oder Friedensverhandlungen simulieren. Es ist vor allem für Internationale Beziehungen ein sehr geeignetes Mittel, um Sachverhalte selbst zu erfahren, die beim Lesen lediglich abstrakt wirken. Zusätzlich machen die Planspiele meistens ziemlich viel Spaß und haben für die Studierenden so noch mehr Lernerfolg.

Welche Tipps hast du für die Delegierten?

Unbedingt die Vorbereitung zu genießen, so stressig sie auch ist und als Team einfach zu wachsen. Also die Zeit zu nutzen, um sich besser kennenzulernen und ein richtiges Team zu bilden. Dann wird es in New York leichter sein zusammenzuarbeiten, besonders weil man weiß, dass man noch jemanden hinter sich hat, auch wenn es vielleicht mal nicht so gut läuft. Ich habe noch sehr viele Kontakte zu den Leuten, mit denen ich zusammen in New York war. Wenn man sich ein Jahr lang intensiv vorbereitet, sind die Kontakte einfach enger, als mit Personen aus anderen Seminaren